Meine Augen sind aus Brasilien


# Luzenir Caixeta

Viele sagen: "Wahnsinn, seid ihr überall?" Wir haben andere
Frauen-Organisationen zu einer gemeinsamen Initiative eingeladen und
dann haben wir in einer Straßenbahn eine Aktion gemacht. Jede
Organisation hat einen Teil der Straßenbahn dekoriert. Auch das
Fernsehen ist gekommen. Sie haben die anderen zwei Organisationen
gezeigt und uns, die eigentlich das große Interview gegeben haben und
die die Initiative gemacht haben, haben sie überhaupt nicht gezeigt!

# Tania Araujo

Rúbia hat alles organisiert, hat die Ideen gehabt... Dann kommt das
Fernsehen und zeigt nur die Österreicherinnen.

# Luzenir Caixeta

Die einzige Migrantinnen-Organsation, die dabei war, haben sie überhaupt
nicht gezeigt! Und ich finde das sehr bezeichnend für die Problematik
mit den öffentlichen Medien. Ich weiß, was es bedeutet, wenn sie das
nicht zeigen: Niemand wird das problematisieren und darüber diskutieren.
Und genau das versuchen wir: Aktionen, die nicht so kompliziert sind,
aber die provokativ sind, damit die Leute darüber nachdenken!

# Milena Müller

Ich bin mir selber nicht sicher, was Methoden und Möglichkeiten der
Öffentlichkeitsarbeit betrifft, wie man das Thema anspricht, wie man mit
dem Thema hinausgeht, wie man die Leute dazu auffordert, nicht nur
darüber nachzudenken, sondern dann als nächsten Schritt, zu agieren.
Also inwieweit riskiere ich mich selbst und inwieweit riskiere ich jetzt
eine von den Frauen, die vielleicht dabei sind, oder mit denen wir
arbeiten? Das finde ich sehr problematisch, insofern, als wir ja quasi
für sie Entscheidungen treffen, wie wir in die Öffentlichkeit gehen.

# Rúbia Salgado

Es gibt da einen Hintergrund. Wir haben oft überlegt, wie könnten wir
unsere politischen Anliegen vermitteln? Wie können wir über die Frauen,
über uns, über unsere Situation als Migrantinnen, Sex-Arbeiterinnen,
usw., wie kann darüber informiert werden, ohne die Frauen zu exponieren?

# Luzenir Caixeta

Viele glauben, dass sich die Frauen verkaufen und das ist total falsch!
Sie verkaufen sich nicht. Sie verkaufen schon ein Produkt, aber nicht
ihren Körper und nicht ihr Leben oder ihre Person.

# Veronika Rechberger

Es ist oft sehr schwierig, dadurch dass die österreichische Gesellschaft
sehr katholisch ist, den Anspruch zu haben, die Prostitution nicht
moralisch zu sehen. Sobald du nicht mehr sagst, dass du die Frauen da
herausholen willst, sondern, dass du da bist und Antwort geben willst
auf das, was sie wollen. Die breite Bevölkerung akzeptiert das kaum bis
überhaupt nicht!

# Rúbia Salgado

Ich glaube wirklich, eine Lösung wäre diese Arbeit auf der fiktiven
Ebene, z. B. ein Theaterstück. Wo es nicht mehr um eine konkrete Person
geht, sondern um eine Persona, um eine Figur. Und es gibt da die
Möglichkeit, mit den Frauen gleichzeitig Bildungsarbeit und
Öffentlichkeitsarbeit zu machen - eine seriöse Öffentlichkeitsarbeit,
bei der kein persönlicher Mensch, keine Privatperson, keine individuelle
Geschichte dargestellt wird! Und auch für die Frauen ist das eine
Möglichkeit, ihre Geschichte und ihr Leben hier zu reflektieren. Das ist
viel einfacher, weil da die Distanz zu ihrer eigenen Geschichte klar
ist. Es ist eine Möglichkeit. Und die ist nicht individuell, sie ist
kollektiv!


Klub Zwei im Gespräch mit MAIZ - Autonomes Zentrum für Migrantinnen
Arbeit an der Öffentlichkeit, 1999 / 2000