Arbeitskonzept: "Arbeit an der Öffentlichkeit"


In unserer künstlerischen Arbeit der letzten Jahre haben uns die Themen
Migration und Rassismus zunehmend beschäftigt. Gemeinsam mit anderen hat
Klub Zwei an mehreren Projekten gearbeitet, die unterschiedliche Aspekte
dieser Themen ansprachen. So zum Beispiel am Videoprogramm
"Staatsarchitektur", das beim Steirischen Herbst 97 in der Ausstellung
"Zonen der Verstörung" erstmals gezeigt wurde, oder am aktuellen Buch
"Staatsarchitektur", der Nummer 7/8 der Zeitschrift
, das visuelle und textuelle
Beiträge von MigrantInnenorganisationen, linken Gruppen, KünsterInnen,
FilmemacherInnen und WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Österreich,
Großbritannien, Frankreich und der Schweiz versammelt.
Gemeinsames Ziel dieser Projekte war, Strategien für eine
antirassistische und antisexistische Politik zu entwerfen. Die Frage
nach der gesellschaftlichen Bedeutung visueller Produktion hatte dabei
zunehmend zentralen Stellenwert.



Öffentliche Sichtbarmachung und Diskussion sind wesentlich für jedes
Engagement gegen die vielen Formen von Rassismus und Sexismus, die in
Westeuropa institutionalisiert und gerade in Österreich besonders
verfestigt sind. Zugleich aber wirft jede öffentliche Thematisierung von
rassistischer und sexistischer Gewalt viele Fragen und auch Probleme
auf:

Die Ursachen von Rassismus und Sexismus stehen sehr selten im Zentrum
von Analyse und Kritik. Auch die Mehrheitsgesellschaft, die von der
Rechtlosigkeit und Ausbeutung jener Menschen profitiert, denen sie
BürgerInnen-, Arbeits- und Aufenthalts-Rechte systematisch verwehrt,
wird kaum thematisiert. Allzuoft werden stattdessen die Menschen, die
täglich mit Rassismus konfrontiert sind, in den Fokus der
Berichterstattung gezerrt, zum "Einzelfall" gemacht, paternalistisch
betreut und bevormundet. Und dies gilt für die Tagespresse ebenso wie
für engagierte künstlerischen Projekte.
Ausgangspunkt des Projektes "Arbeit an der Öffentlichkeit" ist daher
eine Struktur der Zusammenarbeit, die von den beteiligten
Migrantinnen(gruppen) mitkonzipiert und mitbestimmt wird. Denn wenn
Entscheidungs- und Definitionsmacht in Projekten nicht hinterfragt und
umverteilt, wenn Strukturen der Zusammenarbeit nicht gemeinsam
erstritten, erarbeitet und wenn notwendig auch wieder verändert werden,
bedeuten Engagement und Unterstützung eine Fortsetzung rassistischer
Diskriminierung.


In der Zusammenarbeit und Auseinandersetzung mit Migrantinnen haben wir
gelernt, dass wir als Staatsbürgerinnen an rassistischen Strukturen
teilhaben. Unsere privilegierte gesellschaftliche Position steht
kritisch zur Diskussion. Denn genau diese Position ermöglicht weißen
Staatsbürgerinnen die Ausübung künstlerischer oder wissenschaftlicher
Berufe, während sie die Berufschancen von Migrantinnen mit gleicher
Ausbildung und Qualifikation auf Jobs in Beratungsstellen reduziert.
Vor diesem Hintergrund ist es problematisch, von "gleichberechtigter
Zusammenarbeit" zu sprechen. "Gleichberechtigung" ist auch in
Mikrostrukturen, wie unser Projekt eine ist, nach wie vor Utopie. Denn
sie hängt nicht nur von Einzelpersonen, ihren Intentionen und Handlungen
ab, sondern auch vom gesellschaftlichen Kontext, den Rechten und
Positionen, die dieser zu- oder abspricht, und von den Effekten, die er
auf Mikrostrukturen hat. "Gleichberechtigung" ist solange Utopie,
solange eine gesellschaftliche und politische Rechte genießt, die der
anderen verwehrt werden.
Die Position von Klub Zwei, unsere Interessen und die Fragen, die wir
diskutieren wollen, müssen daher explizit formuliert werden. Je
expliziter sie ausgesprochen werden, desto eher können sie von
Beteiligten in Streit gestellt und wieder verändert werden. Insofern
sehen wir unsere Überlegungen als Schritt in Richtung der Utopie
gleichberechtigt bestimmter Zusammenarbeit.


Wir nennen das Projekt "Arbeit an der Öffentlichkeit". Dies soll
verdeutlichen, dass die rassistischen und sexistischen Strukturen, auf
denen unsere Gesellschaft gründet, sichtbar gemacht werden müssen und
dass öffentliche Debatten notwendig sind, um eine Änderung dieser
Strukturen herbeiführen zu können.
In seiner Zweideutigkeit weist der Titel aber auch darauf, dass mit
struktureller Veränderung auch andere Formen der Berichterstattung und
Diskussion einhergehen müssen. Die Bilder und Sprachen, mit denen
veröffentlicht, sichtbar gemacht wird, müssen immer wieder auf ihre
politischen Bedeutungen und Konsequenzen befragt, revidiert, geändert
und neu entworfen werden.
Und schließlich soll die Vorstellung einer einzigen, monolithischen
Öffentlichkeit in Frage gestellt werden. Es gibt gibt nicht nur eine
Öffentlichkeit, sondern mehrere Öffentlichkeiten. "Arbeit an der
Öffentlichkeit" bedeutet somit die Kritik an der dominanten, die Arbeit
an ihrer Veränderung durch das Unterstützen, Stärken und Vernetzen all
jener Öffentlichkeiten, der sie gesellschaftliche Bedeutung und Recht
auf Äußerung abspricht.