Bundeskanzler Schüssel und Kunststaatssekretär Morak eröffnen das MuseumsQuartier, 29. Juni 2001
Von Julius Deutschbauer, Gerhard Spring



SCHÜSSEL
Liebe Freunde, jetzt ist der Tag gekommen, von dem ihr immer wusstet, dass er kommt. Und siehe da: Es ward gut:

MORAK
Erster Tag.

SCHÜSSEL
Noch nie gab es in diesem Lande ein Projekt in dieser Dimension.
20 Jahre, meine Damen und Herren:

MORAK
Diskussionsphase

SCHÜSSEL
10 Jahre

MORAK
Planung

SCHÜSSEL
2 Jahre

MORAK
Ausführung

SCHÜSSEL
Und was das Beglückendste ist:

MORAK
Wir eröffnen zeitgerecht.

SCHÜSSEL
1 Jahr:

MORAK
Eröffnungsfeierlichkeiten.

SCHÜSSEL
Aber es sollte natürlich kein Schlachtfeld sein, und sicher auch kein Orgien-Mysterientheater.

MORAK
Das würde den scheuen Besucher sicher sehr verstören.

SCHÜSSEL
In unseren Augen ist die Kunst selbst das großartigste Einstandsgeschenk am heutigen Eröffnungstag des Museumsquartiers. Hier und heute dürfen wir uns die Ehre geben, im Namen der österreichischen Bundesregierung einen der 7 größten Museumsbauten der Welt seiner Bestimmung zu übergeben.
- Der Kaiser des heiligen römischen Reiches deutscher Nation hielt sich hier in den ehemaligen Hofstallungen

MORAK
von Fischer von Erlach im frühen 18. Jahrhundert erbaut

SCHÜSSEL
seine Pferde, die ihm zu seiner Fortbewegung dienten.

MORAK
600 Pferde und 200 Staatskarossen waren einst in den Hofstallungen untergebracht.

SCHÜSSEL
Die letzten 2 Jahre prägte der Bauarbeiter das Bild des Museumsquartiers. Auf der Baustelle pulsierte zugleich öffentliches Leben. Heute zieht in die fertigen Bauten die Kunst ein. Dem kaiserlich geschmückten Pferd und dem halbnackten Bauarbeiter mit seinen Licht- und Schattenbrechungen folgt der Künstler und der Nutzer. Wie das Pferd zwischen Natur und Kultur, vermittelte der Bauarbeiter zwischen Kunst und Architektur. Er war der Realisator, er war der Handelnde. Danke.

MORAK
Mit heutigem Tag aber wird der Künstler als Synonym für die Kunst selbst auf den Sockel gehoben. Nun ist der Künstler der Handelnde, der das Museumsquartier als Raum von Möglichkeiten begreift, als Positionierung der Kunst selbst. Die Kunst wird zum zeitgemäßen Kampfmittel und zur Ideenmischmaschine auch der Regierung, der ich angehöre.
Die Dominanz des Pferdes wird von der Dominanz der Kunst abgelöst. Hier ist die Kunst nicht vom Pferd gefallen, sondern tritt ins Bild. Nicht vage, sondern konkret. Das Museum ist nicht irgendwo, sondern hat hier seinen Ort.

SCHÜSSEL
Dem Direktor des MUMOKL, Lorand Hegy, ist es zu verdanken, daß sein Haus hier und heute mit der Ausstellung "das Pferd in der zeitgenössischen Kunst Mittel- und Osteuropas" eröffnet. Er reagiert damit auf die historischen Fundamente des Museumsquartiers. Mit einem gut abgerichteten Pferd, schreibt Vergil, könne sich nichts messen. Zitatanfang: "Es trägt den Reiter zum Ziel, viel schneller als belgische Wagen!".

MORAK

"Aber der Jüngling, dem im Mark siedet heiß die Liebe, was tut er?"

SCHÜSSEL
"Was tut ferner der Luchs, was tun die grimmigen Wölfe, was die Hunde?
Wie kämpfen sogar die friedlichen Hirsche?" fragt Vergil weiter. Und was, meine Damen und Herren, ist das Museumsquartier anderes als eine Versammlung von Teilen, aus denen sich mit der heutigen Eröffnung ein fertiges Ganzes der Vielen ergeben soll.

MORAK
Meine Damen und Herren, die späte Ankunft des Museumsquartiers ist sehr zu begrüßen. Sie hat den unvermeidlichen Vorzug des Neuen, die einzige Realität zu sein, die mit unausweichlicher Notwendigkeit der Forderung nach kultureller Innovation genügt. Mit seiner Ankunft im 21. Jahrhundert hat das Museumsquartier den unendlichen Vorteil, nicht die alten kulturpolitischen Fehler des 20. Jahrhunderts zu wiederholen, die solchen riesigen Museumsapparaten wie dem Centre Pompidou oder dem Londoner Southbank Centre anhaften: steile Hierarchie, lange Entscheidungswege und aufblühende Regelungswut ersticken jede Kreativität schon im Keim. Unfähig, auf innovative Tendenzen zu reagieren, dienen sie nur mehr der zentralistischen Vergötzung der Verwaltungen, die Geld und Seele aufessen.
Als Kulturstaatssekretär von Österreich versichere ich Ihnen, die späte Ankunft des Museumsquartiers ist auch die Geburtsstunde eines weltweit neuen Modells der Nutzer: wir haben große und kleine Nutzer in ein neues, enges Verhältnis zueinander gebracht, in dem harmonische Balance und doch auch die Reibung besteht, aus der vitale Funken schlagen.

SCHÜSSEL
Ja, meine Damen und Herren, als Bundeskanzler von Österreich frage ich, spiegelt die Geschichte der größten Kulturbaustelle Europas nicht auch die politische Geschichte unseres Landes wieder? Drohte am Anfang dieses Projekt nicht partikulären Interessen und der politischen Kleingeldzählerei zum Opfer zu fallen, einem zweckfreien Willen zur Verhinderung und einer selbstgefälligen Destruktionslust, die zum Wesenskern der österreichischen Sozialdemokratie zählen? Ist es Zufall, daß 17 Monate, nachdem die neue Bundesregierung im Amt ist, ein neues Modell geboren wird, das man mit den Worten des Philosophen Giovanni Vattimo ein centro di animazione culturale nennen möchte, einen legitimen Ort der Präsentation von Kultur, in dem das Wort Animation steckt, in dem wiederum das lateinische "Anima" steckt, zu deutsch: Seele.

MORAK
Die Beseelung der Gegenwart wird zu einer der nobelsten Aufgaben des Museumsquartiers gehören.

SCHÜSSEL
Nun - der Traum ist realisiert. Das Museumsquartier fertig. Nun kehrt in die nagelneuen Häuser die Begeisterung ein. Das Museumsquartier ist ein Ort, der nicht zur Ruhe kommen soll. Hier geht es um Denkräume, Denkwerkstätten

MORAK
Zukunftswerkstätten.

SCHÜSSEL
An dieser Stelle möchte ich einen ganz herzlichen Dank bei der zuständigen Zukunftsministerin Frau Dr. Elisabeth Gehrer, einer großen Österreicherin, aussprechen. Danke. Dir ist es zu verdanken, daß aus dem Museumsquartier Wien keine Schrebergartenkolonie geworden ist.

MORAK
Danke

SCHÜSSEL
Meine Damen und Herren, wir eröffnen das Museumsquartier und Europa tanzt. 48 Stunden Wiener Kongress, ein kontraproduktiver Beitrag zu den Museumsquartiereröffnungsfeierlichkeiten. (MORAK rempelt SCHÜSSEL an) Da war jetzt was falsch. Ein konstruktiver Beitrag natürlich. Dieses Projekt von Stefan Kaegi und Bernd Ernst ist Ernst und kein Spassgenerationsprojekt. Europa tanzt rund um unsere Eröffnungsfeierlichkeiten, 14 bis 17 Uhr und 19 bis 22 Uhr Halle G.
Die Tänzerinnen und Tänzer, die Sigrid Gareis so überaus genau klassifiziert hat, sind ausschliesslich Meerschweinchen.

MORAK
Ausgesuchte Meerschweinchen, alle mit ungerader Beinzahl. Von einem 1 beinigen Meerschweinchen namens Ahab bis zu einem 7 beinigen Rosettenmeerschweinchen ist alles vertreten. Fürs Casting zeichnet, wie schon fürs Staatsopernbehindertenballett, Thomas Trenkler verantwortlich.

SCHÜSSEL
Das Meerschweinchen, nicht zu verwechseln mit dem Meerschwein

MORAK
Delphinus Delphis

SCHÜSSEL
ist aus Brasilien zu uns gekommen. Danke.

MORAK
Deshalb ist sein Name auch cuniculus brasilianus.

SCHÜSSEL
Ich zitiere: "Wo man die Meerschweinchen, Kaninchen, Einhörnchen und ander solch Gezücht in Stuben und Kammern hegt, davon ein Gestank entsteht, als wäre man in die tiefste Schundgrube gefallen."

MORAK
"Wann die Meerschweine in dem Meere sich geilen und auf die Schiff springen, so wissen die Schiffsleute wohl, dass gleich danach ein grosses Ungewitter kommt."

SCHÜSSEL
Ein anderes Unwetter

MORAK
ein künstlerisch inspiriertes Unwetter, namens Quark

SCHÜSSEL
ist wohl der Laserturm.

MORAK
Der Medienkünstler Robert Spour fand das Wort Quark laut eigener Darstellung bei einem seiner gelehrten Streifzüge durch die Werke Goethes. Ich zitiere: "Getretner Quark wird breit nicht stark" oder "In jedem Quark begräbt er seine Nase".

SCHÜSSEL
Ein Laserturm als Ersatz für den Leseturm.

MORAK
Als voller Ersatz

SCHÜSSEL
ist die Bibliothek ungelesener Bücher wieder ins Museumsquartier zurückgekehrt. Danke

MORAK
Gern geschehen.

SCHÜSSEL
Wenn ich Sie kurz darauf hinweisen darf: Morgen um 15 Uhr findet in der "Bibliothek ungelesener Bücher" ein Lesezirkel zum Thema "Machtrituale" statt. Der Zirkel beginnt mit einer Lesung von Ilse Aichinger. Danke, Richard Reichensperger.

MORAK
Ich selbst habe mich auf das Thema "Machtrituale" vorbereitet und gebe eine Stelle von Jean Paul zum Besten, auf die mich freundlicherweise Reto Hänny aufmerksam gemacht hat. Sie hat den Titel "Plan zu einem Galgen-Jubiläum samt der Jubelrede". Wenn ich eine kurze Probe geben darf: "Teuerste Jubelseelen! Die wichtige Stätte, wo ich stehe, ist das Thema meiner Kasualrede. Wir haben uns alle versammelt, ...

SCHÜSSEL
Herr Kulturstaatssekretär, wir alle sind schon ganz gespannt auf morgen.

MORAK
Meine Damen und Herren, als Symbol für die andauernden Eröffnungsfeierlichkeiten sendet ab heute der Laserturm ein Jahr lang das Duogrammaton der im Herzen Wiens einheimischen Kunst und Kulturszene in den Himmel: MQ - ein Duogrammaton, das nach den Worten unserer Zukunftsministerin Elisabeth Gehrer mit Recht als willkürlich vokalisierbare, im Grunde jedoch unaussprechliche Konsonantenfolge bezeichnet wurde. Nach den Eröffnungsfeierlichkeiten wird Peter Weibel den Laserturm zu einem neurolinguistischen Redeturm umgestalten.

SCHÜSSEL
Meine Damen und Herren, im Wort Museum steckt die Muse, das Museum ist ein Musenhaus. Es gibt auch die Verkleinerungsform Muselein, eine kleine Muse. Ferner gibt es eine männliche Muse, der Muselmann, ein Volk von Musen, das Muselvolk. Die Tätigkeitsform, das Museln, bedeutet spalten: Einen Stein museln bedeutet einen Stein in kleine Steine hauen. (SCHÜSSEL hebt seine Krawatte mit Steinchenmuster in die Höhe) Dieses Museumsquartier, meine Damen und Herren, dieses Musenhaus

MORAK
ein Musenquartier

SCHÜSSEL
ist demnach ein aus vielen vielen kleinen Bausteinen gefertigter Bau. (Läßt Krawatte wieder fallen)


MORAK
Ein Muselbau. Von halbnackten Muselmännern gemuselt für die Besucher, für das Muselvolk, das aus allen Erdteilen der Welt hierherströmen wird.

SCHÜSSEL
Eine aus jungem schwarzem Basalt gemuselte Kaaba im Herzen des Quartiers.

MORAK
Ich habe mich heute nach Moslems umgesehen, aber ich habe viele gesehen. Das ist eine beglückende Semantik, finden Sie nicht auch?

SCHÜSSEL
Die gelehrte Dichtung des 17. Jahrhunderts führt das Wort Muse zunächst im Plural in die gehobene Rede ein, indem sie nach dem Vorbild der Alten dem Dichter oder Schöngeist den Schützling und Liebling der Musen sein lässt und ihren Beistand für ihn anruft oder ihn behauptet.

MORAK
Die Musen schützen und leiten die künstlerisch inspirierte Kreativität. Die Musen winken einem.

SCHÜSSEL
Einer winkt den Musen.

MORAK
Das geflügelte Pferd, der Pegasus, ist das Musenpferd, dessen Geist wir hier in den ehemaligen kaiserlichen Hofstallungen beschwören wollen. Mögen alle, die hier den Musen dienen wollen, kunstfertige Musenpferdreiter sein.

SCHÜSSEL
Herr Kulturstaatssekretär, kann ein Pferd lachen?

MORAK
Herr Bundeskanzler, ein angesehener Psychologe hat den Satz niedergeschrieben: "... denn das Tier kennt kein Lachen und Lächeln".

SCHÜSSEL
Ich habe einmal ein Pferd lachen gesehen. Es wurde von einem lustigen Burschen gestriegelt, die Sonne schien ihm aufs Fell und in den Achseln war es kitzlig.

MORAK
Nun hat ein Pferd vier Achseln und ist darum vielleicht doppelt so kitzlig wie der Mensch.

SCHÜSSEL
Wenn der Stallbursch mit dem Striegel in die Nähe der Achsel anlangte, hielt es das Pferd in keiner Weise mehr aus. Bis es vor Lachen kicherte und der Stallbursch wieherte.

MORAK
Herr Bundeskanzler, das ist eine schöne Geschichte, die sehr gut zu diesem Ort passt. Einige meinen jedoch, das Museumsquartier sei ein Truppenübungsplatz, das Musenpferd ein Kriegspferd. Angesichst eines Oberst Konrad Becker und seines Stallburschen Martin Wassermaier hätte ihr Pferd wohl nichts zu lachen.

SCHÜSSEL
Meine Damen und Herren, grosse und kleine Nutzer, seid keine Nestbeschmutzer: Wir wollen keine Museumsquarrer sein, die ständig mürrisch brummen und seufzen.

MORAK
Menschenfreundlich und kein Quarrer ist der bibelfeste Pfarrer.

(Pause, dann getragen)

SCHÜSSEL
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 20 Jahre, meine Damen und Herren

MORAK
Diskussionsphase

SCHÜSSEL
10 Jahre

MORAK
Planung

SCHÜSSEL
2 Jahre

MORAK
Ausführung

SCHÜSSEL
1 Jahr

MORAK
Eröffnungsfeierlichkeiten.

SCHÜSSEL
Geboren werden hat seine Zeit, pflanzen hat seine Zeit, ausreissen was geflanzt ist, hat seine Zeit.

MORAK
Es gibt eine Zeit, zu säen, es gibt eine Zeit zu ernten.

SCHÜSSEL
Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit.

MORAK
Es gibt eine Zeit zu reden, und es gibt eine Zeit zu schweigen.

SCHÜSSEL
Wer zuhört, kann nicht ununterbrochen selbst reden, der darf sich nicht selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern denjenigen, dem er zuhört. Nicht für alles gibt es Antworten. Und die schnellen Antworten, die einfachen, sind meistens auch die oberflächlichen, die nicht halten.

MORAK
Es gibt eine Zeit wegzuhören, und es gibt eine Zeit zuzuhören.

SCHÜSSEL
Meine Damen und Herren! Ich habe in diesem letzten Jahr viel zugehört: den Bürgern, den Experten, den Interessensvertretern, den Medien und all jenen, die mir ihre Probleme anvertrauten. Im persönlichen Gespräch, am Telefon, in Briefen, Faxen und e-mails, in Sitzungen, Besprechungen, bei Veranstaltungen etc. Ich höre auch jenen zu, die zufrieden sind, die stolz sind, die sich freuen, die Hoffnungen haben, Vorschläge, Ideen und Engagement. Ihre Stimmen sind vielleicht nicht immer die lautesten. Es zahlt sich aus, auch ihnen zuzuhören.

MORAK
Es zahlt sich aus, auch ihr Gewicht in die Waagschale zu legen auf der täglichen Suche nach dem Besseren, nach dem Gerechteren, nach dem Dauerhafteren.

SCHÜSSEL
Ich danke all jenen, die uns konstruktiv kritisieren, ich danke natürlich auch denen, die uns Mut machen, die uns loben, die uns Wege zeigen, wie man es besser machen kann. Danke.

MORAK
Es gibt eine Zeit der kleinen Probleme, und es gibt eine Zeit der großen Probleme.

SCHÜSSEL
Es gibt in der Politik keine kleinen Probleme: jedes Problem ist groß in der Sicht dessen, der es gerade hat. Wenn wir wirklich zuhören, brauchen wir nicht nur offene Ohren, sondern auch einen freien Kopf und ein starkes Herz.

MORAK
Freies Herz braucht freies Hirn.

SCHÜSSEL
Freies Hirn braucht freies Herz.

MORAK
Es gibt eine Zeit der Diskussion, es gibt eine Zeit der Zärtlichkeit.

SCHÜSSEL
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
Meine Damen und Herren, die Zeit ist gekommen, wo grosse und kleine Nutzer sich an einem Tisch zusammenfinden. Weil sonst wäre da immer der grosse Bruder im Mittelpunkt und die Kleinen könnten nur mitlaufen.

MORAK
Sonst wären wir eben beim kleinsten gemeinsamen Nenner der touristischen Verwendbarkeit. Und da wäre nicht einmal Schiele geeignet, weil der in Wirklichkeit auch noch nicht rezipiert ist.

SCHÜSSEL
Meine Damen und Herren, als mich Dr. Waldner das erste Mal durch das beinahe fertiggestellte Museumsquartier geführt hat, und wir unsere Führung über die Treppe Richtung Ausgang Breitegasse beenden wollten, fiel mein Blick von der Brücke tief in die burggrabenartige Gasse und da meinte ich zu Dr. Waldner: Das Museumsquartier darf nicht Walhall werden!

MORAK
Weia Waga!
Woge, Du Welle,
walle zur Wiege!
Wagalaweia! Wallala weiala weia!

SCHÜSSEL
Und ich meinte auch: Es geht nicht an, daß die Bundesregierung, der ich vorstehe, die österreichischen KünstlerInnen mittels so vieler direkter Zuwendungen fördert, und dann werden sie durch diesen Burggraben zum Selbstmord verleitet. Dr. Waldner versicherte, ein Netz einziehen zu lassen. Danke.

MORAK
So - grüß ich die Burg - sicher vor Bang und Graun, Rheingold vierte Szene.

SCHÜSSEL
Die Bundesregierung, der ich vorstehe, muss dafür Sorge tragen, dass sich die kleinen Institutionen in einem so grossen Haus behaupten können, ohne dass sie erdrückt werden.

MORAK
Als Kulturstaatssekretär von Österreich versichere ich ihnen, dass hier im Museumsquartier eine gleichberechigte Struktur geschaffen wurde. Ich halte das, was sich hier im Museumsquartier in den letzen Jahren entwickelt hat, für eine gute Lösung.

SCHÜSSEL
Ich zitiere wiederum Kohelet, mein Lieblingsbuch der 66 Bücher der Bibel: So ist es ja besser zu zweien als allein, sie haben guten Lohn für ihre Mühe, fällt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf, weh dem, der allein ist, wenn er fällt. Dann ist keiner da, der ihm aufhilft.

MORAK
Auch, wenn zwei beieinander liegen, wärmen sie sich. Wie kann kann ein einzelner warm werden?

SCHÜSSEL
Einer mag überwältigt werdern, aber zwei können widerstehn.

MORAK
Und eine dreifache Schnur reisst nicht leicht entzwei.

SCHÜSSEL
Meine Damen und Herren, ich freue mich besonders, im Namen der österreichischen Bundesregierung, am Tag der Eröffnung des Museumsquartiers, die grossen und kleinen Nutzer des Museumsquartiers Wien begrüssen zu dürfen, die hier in Eintracht in der ersten Reihe Platz genommen haben. Ich begrüsse Dr. Wolfgang Waldner von der Museumsquartier-Errichtungsgesellschaft, Dr. Rudolf Leopold und seine Gattin Dr. Elisabeth Leopold, den Direktor der Kunsthalle Wien, Dr. Gerald Matt und seine Freundin Susanne Moser.

MORAK
Als Vertreter der österreichischen Printmedien begrüße ich Joachim Riedl vom Format, der angesichts unseres großen Erfolgs heute allerdings ein wenig niedergedrückt herumsteht, lustlos, ohne jeden Funken Selbstbewußtsein, als wäre er gerade kaltblütig vergewaltigt worden.

SCHÜSSEL
Wenn eine Frau immer wieder kaltblütig vergewaltigt wird, so ist es wohl unvermeidlich, dass sie eines Tages jeden Spaß am Sex und alle Lebensfreude verliert.

MORAK
Da steht er, mit zersaustem Haar. Nur seine Brusthaare treten aus dem aufgerissenen Hemd hervor.

SCHÜSSEL
Meine Damen und Herren, ich begrüße Nikola Hirner von der Basis Wien, Dr. Sigrid Gareis vom Tanzquartier Wien, Lorand Hegy und seinen designierten Nachfolger Edelbert Köb vom Museum Moderner Kunst

MORAK
Genannt MUMOKL, wo im Anschluß an unseren Eröffnungsakt eine Kochperformance namens "Helle Cousine - dunkler Cousin" stattfindet, mit einem Kochduell zwischen den Ehrenköchen Edelbert Köb und Lorand Hegy.

SCHÜSSEL
Weiters begrüße ich Dietmar Steiner vom Architekturzentrum Wien, Konrad Becker, Public Netbase, sowie Wolfgang Rollig und Stella Zinggl vom depot. An dieser Stelle möchte ich mich besonders bei Dr. Zinggl, einem großen Österreicher bedanken, dass er, nachdem er am Kulturprogramm des liberalen Forums mitgeschrieben hat

MORAK
das es bedauerlicherweise nicht mehr gibt

SCHÜSSEL
und am sozialdemokratischen Kulturprogramm mitgeschrieben hat

MORAK
das es immer noch gibt

SCHÜSSEL
sowie am grünalternativen Kulturprogramm

MORAK
mitgeschrieben hat

SCHÜSSEL
sich nun bereit erklärt hat, auch am Kulturprogramm der ÖVP mitzuschreiben. Danke.

MORAK
Für uns in der Volkspartei ist die Arbeit für die Zukunft Österreichs zunächst Arbeit für eine gute Gegenwart unserer Künstlerinnen und Künstler.

SCHÜSSEL
Meine Damen und Herren, mit diesen freudigen Worten drücke ich das Museumsquartier zärtlich an ihre Busen. Ja, man spricht von der Zärtlichkeit einer nährenden Mutter als einem Beispiel für die Zuneigung, die auch unter den Nutzern dieses Museumsquartiers herrschen sollte.

MORAK
Zusammenarbeit ist etwas Schönes.

SCHÜSSEL
Das kannn man an der ganzen Schöpfung erkennen. Pflanzen geben Sauerstoff ab.

MORAK
Tiere nehmen ihn auf.

SCHÜSSEL
Himmelskörper kreisen auf ihren Umlaufbahnen. Insekten und Blumen leben in Symbiose

MORAK
Die Wespe verhält sich zur Orchidee wie die Kunst zur Wirtschaft. Die Wespe ist eine getreue Nachahmung der Orchidee, sie ist ein Stück im Reproduktionsapparat der Orchidee, indem sie deren Blütenstaub transportiert. Wespe und Orchidee symbiotisieren, insofern sie heterogen sind.
Man könnte aber auch sagen, daß die Orchidee die Wespe nachahmt, deren Bild sie auf signifikante Weise reproduziert. Gleichzeitig handelt es sich um mehr als nur Nachahmung: Einfangen von Codes, Mehrwert an Codes, Vermehrung von Wertigkeit, wirkliches Werden, Wespe-Werden der Orchidee, Orchidee-Werden der Wespe, Kunst-Werden der Wirtschaft, Wirtschaft-Werden der Kunst.

SCHÜSSEL
In ähnlicher Weise kann dieses Museumsquartier ein enges Wechselspiel sein zwischen den großen Nutzern und den kleinen Nutzern.

MORAK
Ein Große Nutzer-Werden der kleinen Nutzer und ein Kleine Nutzer-Werden der großen Nutzer.
Wie schon Gerald Matt so oft das Rhizom-Denken beschrieben hat, dass ein symbiotisches Kettenglied einer Wurzelknolle gleiche, in der ganz unterschiedliche sprachliche Dialekte zusammengeschlossen sind. Oder wie Wolfgang Waldner es ausdrückt: "Mit dem Museumsquartier entsteht ein verdichteter öffentlicher Kulturraum, der auch für das gesamte Umfeld hochinteressant werden wird. Je größer der gesamte Kuchen ist, umso größer sind aber auch die einzelnen Stücke."

SCHÜSSEL
Je größer die großen Nutzer, desto größer sind aber auch die kleinen Nutzer.

MORAK
So eröffnen wir hier und heute das Quartier über 21, aber auch das Quartier unter 21.

SCHÜSSEL
Liebt einander inbrünstig von ganzen Herzen.

MORAK
Erster Petrus 1 Vers 22

SCHÜSSEL
Kunst kann alle menschlichen Gefühle hervorrufen. Liebe, Ehrfurcht

MORAK
Zärtlichkeit,

SCHÜSSEL
aber auch Betrübnis, Zorn, Hass und Leidenschaft.

MORAK
Ebenso der Tanz, - eine Kunstform, die in Österreich so gut wie nicht vorkommt. Der Tanz, meine Damen und Herren, vermittelt

SCHÜSSEL
Vielleicht hat einer den anderen für zu selbstverständlich genommen. Mag sein, dass der grosse Nutzer das Bedürfnis des kleinen Nutzers nach Liebe, Zärtlichkeit, Anerkennung und Achtung vernachlässigt hat.

MORAK
In einer Sache scheint man sich aber einig zu sein. Deborah Glockner-Ferrari, Forscherin auf Maui (Hawaii), beschrieb die Zärtlichkeit der Buckelwale, die insbesondere zwischen Mutter und Kalb zu beobachten ist: Zitatanfang "Sie behandeln sich gegenseitig mit sehr viel Feingefühl. Sich zu berühren scheint für sie sehr wichtig zu sein. Die Mutter liebkost das Kalb mit ihren Flossen. Das Junge hält sich unter dem Kinn der Mutter auf."

SCHÜSSEL
Jacques Cousteau berichtet folgendes: Zitatanfang "Selbst unter Riesen vermittelt das Säugen eines Jungen eine herzliche familiäre Vertrautheit. Während das Kalb saugt, spielen die Seitenflossen der Walmutter eine solch große Rolle, daß sie einem beinahe wie Arme erscheinen, die das Junge in den Schlaf wiegen. Die Walmutter liegt auf der Seite und hält ihr Baby mit den Flossen fest, während es saugt." Und diese Flossen, meine Damen und Herren, sind viereinhalb Meter lang, die größten, die bei Walen vorkommen!

MORAK
Die zutraulichen Riesen ziehen umher.

SCHÜSSEL
Wenn jeder, grosse und kleine Nutzer des Museumsquartiers Wien den Vorteil des anderen sucht, tauchen selten Probleme auf. Damit Beziehungen zwischen grossen und kleinen Nutzern wirklich beglückend sein können, darf keine Schranke zwischen ihnen bestehen, vielleicht durch Bitterkeit oder Ablehnung. Nur dann können sie das Museumsquartier, dessen feierliche Eröffnung wir hier und heute begehen, als das geniessen, was es wirklich ist.

MORAK
Das Wort für Pferd, um noch einmal auf Vergil zurück zu kommen, stammt offenbar von der Wurzel ab, die liebende Güte und Loyalität bedeutet. Nach einer entsprechenden Verordnung der Bundesregierung, die am 1. Jänner 2002 in kraft tritt, wird es künftig unter anderem verboten sein, Pferden vor dem Schlachten, sogenannte "Zartmacher" einzuspritzen.

SCHÜSSEL
Hiermit erkläre ich das Museumsquartier Wien im Namen der österreichischen Bundesregierung für eröffnet.

MORAK
Für alle hungrigen Gäste: In Halle H warten 25 Paletten Lounchpakete, die Dr. Wolfgang Waldner persönlich für Sie zusammengestellt hat. Mit Äpfeln, Birnen, Youghourt, spritzigem Komboucha

SCHÜSSEL
Müsliriegel

MORAK
und jede Menge Pferdeleberkäsesemmeln.

SCHÜSSEL
Käsepferdeleberkäsekäseweckerl.